Peter Ojstersek 

Eröffnung der Ausstellung Schloß Wiepersdorf, 17.11.2002

Peter Ojstersek malt gegenständliche Bilder und er malt sie nicht wieder, sondern immer noch. Er ist so gesehen nicht in die allerorten aufblühende neue Gegenständlichkeit einzuordnen, die sich eher an den Oberflächen des Gesehenen festmacht. Er geht einen anderen Weg, ihm liegt, bei aller äußeren Präsenz des Abgebildeten, am Dahinter der Dinge, und sein Blick in die Welt ist festgemacht auch an sozialer Verantwortung. Daß ein solches Arbeiten mit Irritationen und unerwarteten Brechungen einhergehen kann, und ohne belehrende Attitüde auskommt, zeichnet sein Schaffen aus.

Die ausgestellten Arbeiten sind eigenwillige Kombinationen aus Malerei und Licht. Die Bilder sind auf flache Holzkästen gemalt und jeweils mit einer Leuchtstoffröhre versehen. Malerei, freigelassener Rahmen und Lichtquelle sind von Objekt zu Objekt speziell aufeinander abgestimmt. Die Farben, häufig Lokalfarben, sind klar gegeneinander abgegrenzt, wie in Flächen gefangen. Meist sind sie in kühlen Kontrasten gehalten, aus denen sie gesättigt aufstrahlen können. Aufgetragen sind sie gleichmäßig dünn, die Pinselspuren getilgt. Auf den ersten Blick kann das an Pop-Art erinnern, es sind aber nur ähnliche Effekte, gewollt ist anderes. Das beginnt schon bei der Motivwahl. Der Künstler greift auf Fotos aus Zeitungen und Zeitschriften zurück, Alltagsaufnahmen, Werbefotografie. Diese vorgefundenen Abbildungen verändert er beim Übertragen auf das Holz, betont das Ausschnitthafte, oder verstärkt perspektivische Staffelungen. Was dann auf dem Holzgrund mit dem Pinsel geschieht, ist mühevolle Feinarbeit unter dem Licht der gewählten Leuchtstoffröhre. Fast immer bleibt die Maserung des Holzes durch die Farben hindurch sichtbar, was eine Gradwanderung sein mag. Doch es gelingt dem Maler, diese Übertretung immer wieder aufzufangen und produktiv zum machen. So entsteht der Eindruck, als könnten die Körper und Gesichter jeden Augenblick im Holz verschwinden, in es hineinwandern, während man andererseits wieder meint, die Darstellungen kämen erst aus dem Holz hervor.  - Sehen wir was wir sehen, was sehen wir, können wir es greifen, begreifen oder entziehen sich uns die Dinge. 
Die aufmontierten Leuchtstoffröhren, die in jeweils auf den Bildinhalt bezogenen, genau berechneten Intervallen hell aufscheinen oder sich bis ins Matte zurücknehmen, muten dabei wie eine Art doppelter Boden. Vom besonderen Licht des Nordens, unter dem der Künstler aufgewachsen ist, zum Licht überall gebräuchlicher Leuchtstoffröhren, und zwar ganz direkt, in naturalistischer Doppelung. Ja, es geht einerseits um die gleichmäßige Lichtwirkung, darum, wie Licht Farbe verändert, doch nicht nur.  Man darf auch an Schaukästen, Aquarien, Solarien, Ladentheken denken und an alle Ausstellungssüchte unserer Zeit, ihren zur Schau getragenen ausgeleuchteten Voyeurismus.

Das Bild „W-5“, das seinen Titel einem Reinigungsmittel verdankt, gibt 
den Blick in ein Badezimmer frei. Cleane Sauberkeit, unpersönliche Atmosphäre, das Schmuckband belanglos. Die Malerei ist sachlich distanziert, gnadenlos enthüllend. Die Leuchtstoffröhre ist genau dort angebracht, wo sie in diesem Bad, leuchten würde, auch wenn sie  die genaue perspektivische Linienführung nicht mitmacht, in dieser geringen Abweichung zu einer Schranke wirkt, einem Achtungszeichen, irgend etwas stimmt nicht, auch wenn es sich natürlich genau um die Art von Leuchtstoffröhre handelt, die tatsächlich in solche Sanitäreinichtungen eingebaut wird.
„Der Kuß“ eine Art Abschiedsszene, der Mund eines Soldaten findet den eines Mädchens. Alles wie es sein muß. Sofort werden alle möglichen anderen Bilder assoziiert, hochglanzpolierter Poster versperren den Blick hinter die Dinge, Sentimentalität spült hoch. Ein junger Soldat wird an einen der internationalen Brennpunkte gesandt, das Gute in die Welt zu bringen, ohne auch nur ahnen zu können, was ihm alles passieren kann. Die gnadenlos über die Gesichter geführte Leuchtröhre mit ihrem kalten abweisenden Licht, die nicht überirdisch über den Köpfen leuchtet, läuft wie ein Gedankenstrich durch das Bild, zerstört seine vorgetäuschte Werbeunschuld, zerteilt die beiden Köpfe und nimmt das Bild zugleich zurück in die Malerei, stellt es hier in eine bestimmte Tradition, in der die Pop-Art als irritierende Illusion durchaus mit aufgerufen wird, doch hinter der auch Edvard Munchs „Kuß“ steht. Die Frage von Schein oder Sein klingt an, was sehen wir und was ist wirklich, nicht nur auf dem Bild und seinen Vorläufern, auch in der Realität.

Schön und voll hintersinniger Ironie,  die Bilder der beiden liegenden Männer. Liegende Männer kommen in der Kunstgeschichte nicht häufig vor, Aktivität ist ihr vorrangiges Zeichen gewesen. Zu lagern wie eine Venus, fast undenkbar. Nur auf  den Triptychen, dort der Praedella, sind liegende Männer zu finden. Meist ist es der vom Kreuz genommene Chistus, bei Dix sind es die Toten des ersten Weltkrieges, alles Todesbilder.  Die gemalten Männer Peter Ojsterseks  hingegen sind sehr lebendig.  Dennoch spielt der Künstler mit der ikonografischen Vorlage. Sei es durch das klassische lange flache  Bildformat, das die Enge des Bildraumes suggeriert, oder die in diesem Bildraum hingestreckt liegenden Körper. Doch er verkehrt zugleich den Tod ins Ausruhen, ins Träumen, den Schlaf.
Der eine Mann, mit sich allein, ist in satte Farbigkeit gehüllt; aufstrahlendes, ins Blau gebhrochenes Englischrot vor dem Weiß des Grundes. Da liegt er vor uns, wie hindrapiert und könnte er in seiner Körperlichkeit kaum präsenter sein, sprengt in seiner Diesseigkeit fast den Bildraum. Und über ihm leuchtet genau die Art von Leuchtstoffröhre, die das Fleisch und die Wurst in den Fleischtheken appetitlich aussehen lassen, mit einer Nuance Rot. Sind wir nicht schon dabei, uns tiefzukühlen, günstig auszuleuchten, uns frischzuhalten im Raum steriler Freundlichkeit?

Das gedoppelt liegende Männerbildnis schlägt einen  anderen Ton an, hier ist Poesie im Spiel. Die im Bild Oben schlafende Person spiegelt sich längs der Leuchtstoffröhre in ihrem geträumten Darunter. Ein Traum vom Wachsein, denn der schläft, träumt sich mit offenen Augen, und er muß sein Traumbild festhalten, sonst verliert er es und es sinkt herab vom grünen Rasen in das Weiß irgendeines Himmels. - Die kompakten Formen wachsen zu fast naiver Bildlichkeit, weisen bis hin  ins Reich von Märchen und Legenden; poetische Überhöhung des Alltags. Der friedfertige Mann, hier gibt es ihn, im intensiven Licht eines Traums.
Dieses „Männerdoppel“ kann durchaus als Pendant zum „Kuß“ gesehen werden, denn in der Spanne zwischen kühler Ausschnitthaftigkeit und poetischer Ruhe bewegt sich das gesamte Werk des Künstlers, der seine Motive aus dem Alltag unseres Sehens nimmt und sie vielfältig brechen kann, in die Kunstgeschichte hinein und wieder in die Gegenwart zurück, immer entlang am Licht...
Ina Gille